Innovation erfordert Begeisterung und Durchhaltevermögen
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Innovation erfordert Begeisterung und Durchhaltevermögen

  • 21 March 2022
  • 4-5 minuten

Das Gesundheitswesen ist ein konservativer Sektor. Innovationen werden erst nach jahrelanger Forschung und Erprobung angenommen. Das ist auch vernünftig, denn schließlich handelt es sich um Innovationen, die am Menschen angewendet werden.

Dies bedeutet allerdings auch, dass Wissenschaftler aus Forschung und Innovation, viel mehr als in jeder anderen Branche, einen langen Atem brauchen. Wir haben mit dreien dieser Wissenschaftler, die mit großer Beharrlichkeit die Geburtshilfe ein wenig Patientenfreundlicher gemacht haben, gesprochen.

Martine Kerkhof und Marco van Elst sind die Tochter und der Schwiegersohn von Chris Kerkhof, der Sense4Baby in die Niederlande brachte. 
Sense4Baby ist eine Technologie, die es ermöglicht die Herztöne des ungeborenen Kindes, ein sogenanntes CTG, an jedem beliebigen Ort zu erstellen. Chris Kerkhof, arbeitete bei einem Unternehmen, das den Vorläufer dieses Produktes vertrieb. Jedoch konnte es, aufgrund der dominanten Position von Philips in den Krankenhäusern, nicht Fuß fassen. Deshalb entwickelte er 2007 ein neues Geschäftsmodell: ein CTG, das durch eine Hebamme, bei der Schwangeren zu Hause erstellt werden kann.

Er fand einige Krankenhäuser, die an dieser innovativen Form des Telemonitorings interessiert waren. „Das war zu einer Zeit, als es noch keine häusliche Überwachung von Patienten gab. Mein Vater war wirklich der Erste“, sagt Martine Kerkhof. 
Während der Coronapandemie, mussten die Krankenhäuser die werdenden Mütter  nach Hause schicken um Sie von dort aus zu beobachten, da im Krankenhaus einfach kein Platz mehr war. Der Sense4Baby wurde für das Wohlbefinden der Mutter und ihrem ungeborenen Kind entwickelt. Da Probleme während der Schwangerschaft an sich schon Stress verursachen, wird dieser nur verstärkt, wenn die werdende Mutter auch täglich das Krankenhaus aufsuchen muss. Durch den Sense4Baby, kann die werdende Mutter den 40 minütigen CTG, ganz ruhig in den eigenen vier Wänden erstellen.

Großer Erfolg, keine Kunden

So entstand das erste virtuelle Krankenhaus Stichting Telenatal in den Niederlanden: Das unabhängiges Behandlungszentrum kontaktierte die Schwangeren, wies die Krankenschwestern in die Anwendung des CTG's ein und las die Herzbilder aus der Ferne ab. Die Ergebnisse wurden mit den Gynäkologen des Krankenhauses geteilt, die dadurch eine erhebliche Arbeitsentlastung erfuhren. Kerkhof fand bald mehrere Krankenhäuser, die bereit waren auf diese Weise zu kooperieren. Gemeinsam konnten sie nachweisen, dass die Kosten für die Mutterschaftsbetreuung durch die Überwachung der schwangeren Frau von zu Hause aus, gesenkt werden konnten. Außerdem stieg die Qualität der Pflege und die Patientenzufriedenheit war riesig.

In den letzten Jahren bemerkten wir eine Veränderung des Marktes. E-Health und Telemonitoring sind auch in anderen medizinischen Fachbereichen auf dem Vormarsch.

Marco van Elst
Business Development Manager
Marco

Marco van Elst der seit 2012 für das von seinem Schwiegervater gegründete Unternehmen arbeitet und seit 2013 Gesellschafter und Geschäftsführer ist, sagt: „Trotz der guten Ergebnisse und der Begeisterung der teilnehmenden Krankenhäusern, Patienten und Krankenversicherungen sei es nur schwer gelungen, weitere Kunden zu finden. Chris hat das virtuelle Krankenhaus in erster Linie für das Unternehmen gegründet, für das er damals tätig war. Nachdem dieses Unternehmen übernommen wurde, wollte die neue Muttergesellschaft nicht mehr mit meinem Schwiegervater zusammenarbeiten. Deshalb hat er seine Arbeit nach einem Management-Buyout selbstständig fortgeführt. Und so hat er mich gefragt, ob ich nicht in seiner Firma arbeiten möchte.“ 

Auch seine Schwägerin Martine Kerkhof, Tochter von Chris, kam zu Telenatal. „Ich habe einen medizin-technischen Hintergrund und arbeitete bereits im Vertrieb von Medizingeräten, als sich mein Vater selbstständig machte und Hilfe brauchte. Er musste nämlich feststellen, wie schwer es für ein kleines selbstständiges Unternehmen ist, im Gesundheitsmarkt weiterzukommen. Ein großer Name ist dort ebenso wichtig wie die Qualität des Produktes. Dieser Markt wurde von einem großen Unternehmen beherrscht, die aber selbst keine Fernüberwachungslösung anbot. Für diese ist es einfacher ein neues Produkt zu entwickeln, aber als kleines Start-up Unternehmen ist das viel schwieriger“, sagt Martine.

Start-ups müssen sich auf ihr Kreativität verlassen, um an die Entwicklungen des Marktes anknüpfen zu können. Dadurch kamen schnell neue Anwendungsmöglichkeiten für das Produkt, sowie z. B. die Anfertigung eines CTG's durch Hebammen. Kennzeichnend für die Geburtshilfe in den Niederlanden sind die selbstständigen Hebammenpraxen in der primären Gesundheitsversorgung, die Schwangere mit unkomplizierten Schwangerschaften sowie bei Entbindungen betreuen– entweder in der Wohnung der werdenden Mutter oder ambulant im Krankenhaus.

Für das junge Unternehmen lief es weder finanziell noch für den Gründer selber gut. Chris wurde krank. Im Jahr 2017, drei Monate, nachdem Martine einen gesunden Sohn auf die Welt gebracht hatte, starb er. „Das war für die ganze Familie eine sehr schwere Zeit. Ich kam in eine Achterbahn der Gefühle und konnte mich nicht wirklich auf die Firma konzentrieren. Zum Glück hat Marco nicht aufgegeben und dies nur als Grund gesehen, noch härter zu kämpfen“, erinnert sich Martine.

Der endgültige Durchbruch

Dieser Kampf führte dazu, dass Van Elst einen neuen Aktionär fand, der ebenso wie er an das Produkt glaubte: ICT Healthcare Technology Solutions (HCTS). Mit neuer Energie, Spielraum für Investitionen und zusätzlichen Mitarbeitern war es nun möglich, den Markt zu vergrößern. Doch als erstes erhielt das Produkt einen neuen Namen: Sense4Baby. Krankenhäuser in acht europäischen Ländern nutzen diese Lösung bereits, mit der Schwangere zu Hause überwacht werden können. Darüber hinaus wird Sense4Baby von Hebammen in den verschiedensten niederländischen Regionen zur Erstellung von CTG's genutzt.

Van Elst: „In den letzten Jahren bemerkten wir eine Veränderung des Marktes. E-Health und Telemonitoring sind auch in anderen medizinischen Fachbereichen auf dem Vormarsch. Programme des Ministeriums, sowie „De Juiste Zorg op de Juiste 
Plek" (Die richtige Versorgung am richtigen Ort) veranlassten alle Krankenhäuser genau danach zu schauen, welche Versorgung sie von der fachärztlichen in die primäre Gesundheitsversorgung oder an den Patienten zu Hause verlagern können. Das führte dazu, dass die Krankenhäuser anfingen die Sache anders zu sehen als noch vor ein paar Jahren."

Während der Coronapandemie hat ICT HCTS den Krankenhäusern, die den Patientenverkehr im Frühjahr 2020 auf ein Mindestmaß beschränken wollten, Sense4Baby für Notfälle unverbindlich zur Verfügung gestellt. „Es war fantastisch, dass wir in einer solchen Notlage einen Beitrag leisten konnten, wenn auch nur einen geringen“, sagte Van Elst.

Auch in der primären Gesundheitsversorgung

Wie bereits erwähnt, haben Hebammenpraxen nun auch mit der Erstellung und Auswertung von CTG's begonnen. Das ist noch nie vorgekommen, obwohl die Hebammen in ihrer Ausbildung lernen, CTG's zu verwenden. Es war die Hebamme Siegrid Hoekstra, die alle Krankenkassen von dieser Idee überzeugte und die niederländische Gesundheitsbehörde (NZa) dazu brachte, ab 2023 einen landesweiten Tarif einzuführen.

Es ist kein Zufall, dass Hoekstra die treibende Kraft hinter der Einführung der Herzuntersuchung des ungeborenen Kindes in die medizinische Grundversorgung ist. Sie war nämlich auch die Vorreiterin von Innovationen, wie dem Zwanzig-Wochen-Ultraschall im Hebammen Centrum Nijmegen (VCN) und der Wendung von Steißgeburten durch die Hebamme, anstelle eines Gynäkologen im Krankenhaus.

Auf einer Studienreise erlebte sie 2012, dass es in Kanada üblich ist, wenn Hebammenpraxen selbst ein CTG erstellen. „Aufgrund der großen Entfernungen in Kanada können Frauen dort nicht für jede Komplikation in ein Krankenhaus geschickt werden.

Beispielsweise: bei der Indikation schwacher Kindsbewegungen stellt sich in neunzig Prozent der Fälle heraus, dass es keinen Grund zur Beunruhigung gibt und dass der Herzfilm keine Auffälligkeiten zeigt.

Durch den langen Weg ins Krankenhaus, würde sich die werdende Mutter unnötig Sorgen machen. Dies bedeutet Stress für die Mutter und das ungeborene Kind. Auch eine Reise in der Endphase der Schwangerschaft ist kein Vergnügen. Darüber hinaus hat eine werdende Mutter in der Regel eine enge Beziehung zu ihrer Hebamme aufgebaut. Im Krankenhaus wird sie dann von einer Person behandelt, die sie nicht kennt.“

Hoekstra

Sechs Jahre lang Pilot

Zurück in den Niederlanden ermutigte Hoekstra andere Geburtshelfer innerhalb der VCN-Kooperative, darüber nachzudenken, ob ein solches Modell in den Niederlanden durchführbar wäre.

Wenn ja, bei welchen Indikationen könnte ein CTG  in der Hebammenpraxis gemacht werden? Wie häufig treten diese Anzeichen in unserer Region auf? Und was würde das für den zusätzlichen Arbeitsaufwand einer Hebamme bedeuten?
Sie entwarf ein Konzept, das sie mit dem Krankenversicherer VGZ, den sie von früheren Innovationen kannte besprach. Die VGZ gab grünes Licht für den Start eines Pilotprojekt. Hoekstra: "Die Grundzüge waren klar, aber dann muss man im Detail ausarbeiten, wie man es organisieren will. Welche Protokolle werden wir verwenden? Wie garantieren wir die Qualität? Welche zusätzliche Ausbildung benötigen Hebammen, um ein CTG selbst durchführen zu können? Welche Technologie werden wir einsetzen?" Es hat ein Jahr gedauert, bis alle Details bekannt waren. Im Jahr 2015 begannen vierzehn Hebammenpraxen sowie zwei Krankenhäuser in der Region Nimwegen mit der Durchführung pränataler CTG's bei drei Indikationen: nach einer externen Version, wenn die Schwangere weniger Kindsbewegungen fühlt oder bei drohender Geburtsterminüberschreitung.

Erstaunliche Ergebnisse

Sechs Jahre und unzählige CTG´s sind vergangen. Die Ergebnisse sind verblüffend. In 86 Prozent der Fälle war es nicht notwendig, die Frau ins Krankenhaus zu schicken. Dies bedeutet eine erhebliche Einsparung bei den Gesundheitskosten. Die Frauen benoteten diese Versorgung mit der Note 9,4 (von 10). Auch die Gynäkologen sind sehr zufrieden. Sie sind aktiv beteiligt und sehen, dass die Geburtshelfer die CTG's sehr gut bewerten. Im Zweifelsfall kann der Gynäkologe aus der Ferne zusehen. 

Janneke Banken-Croonen, Geschäftsführerin des Geburtshilfezentrums Nimwegen, dazu: „Mit dem CTG in der primären Gesundheitsversorgung sehen wir, dass die adäquate Versorgung zunehmend am richtigen Ort erfolgt und dass sich die Zusammenarbeit zwischen Hebammen und Gynäkologen verbessert. Mit dem mobilen CTG-Gerät können Hebammen diese Betreuung relativ kostengünstig und einfach anbieten. Die Beratung mit dem CTG entspricht auch dem Berufsbild der Hebammen. Schließlich war die Beurteilung eines CTG's auch Bestandteil der Hebammenausbildung.

Es braucht Menschen wie Hoekstra, die standhaft bleiben und sich voll und ganz für die Interessen der werdenden Mütter einsetzen, da sich ansonsten im System nichts ändert.

Insgesamt sind von der ersten Idee für ein CTG in der primären Gesundheitsversorgung bis heute zehn Jahre verstrichen, und sogar fünfzehn Jahre seit dem Moment, an dem die technologischen Voraussetzungen dafür überhaupt vorhanden waren. Ohne die Leidenschaft und das Engagement von Menschen wie Siegrid und Chris wäre das nie gelungen.

Viele andere hätten längst aufgegeben. Doch sie haben auch in schwierigen Zeiten weitergemacht. Zu Projektbeginn herrschten Zweifel an der Qualität der Beurteilung eines CTG's durch Hebammen. Siegrid hat daraufhin alles daran gesetzt, eine gute Qualitätssicherung zu gewährleisten, um zu zeigen, dass dieser Weg trotzdem eine gute Lösung ist. Ohne ihre Leidenschaft und ihre Energie wäre das Projekt längst am Ende.“ 

Aber gerade wegen ihres Engagements und ihres Enthusiasmus haben auch die Regionen Amsterdam und Zwolle die Chancen erkannt und sich an dem Pilotprojekt beteiligt. Inzwischen haben auch die Regionen Kennemerland, Emmen und Helmond mit der Erstellung von CTG's in der primären Gesundheitsversorgung begonnen.

Vierzehn Jahre von der Idee bis zur Marktreife

Es ist vierzehn Jahre her, seit Chris Kerkhof die Idee eines virtuellen Krankenhauses ausarbeitete und mit dem Telemonitoring von Schwangeren begann. Erst jetzt ist die Bewegung so groß, dass alle Beteiligten darauf vertrauen, dass sich die Idee durchsetzt. Inzwischen haben viele Krankenhäuser, Hebammen, Schwangere und Krankenversicherungen selbst erfahren, dass die richtige Versorgung auch anders als bisher, gewährleistet werden kann. Martine Kerkhof unterdrückt eine Träne, als sie sagt: „Jammerschade, dass mein Vater diesen Erfolg nicht mehr miterleben darf. Er starb ein Jahr nach Beginn des Pilotprojekts in Nimwegen, noch bevor die Ergebnisse in großer Zahl eintrafen und es wirklich losging. Unser Ziel ist jedoch erst erreicht, wenn jede Frau die Möglichkeit hat, sich für diese Lösung zu entscheiden. Wir sind jedoch zuversichtlich. Was meinen Vater am meisten gefreut hätte, ist die Note 9,4, mit der die Schwangeren von VCN diese Versorgung bewertet haben. Denn ihm ging es immer nur um eines, und zwar eine gute und sichere Betreuung der werdenden Mutter und ihres ungeborenen Kindes.“

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